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Führung

Konflikte im Team: wann du eingreifst und wann nicht

Kurzfassung

Die häufigsten Fehler bei Teamkonflikten sind zu früh eingreifen und zu spät eingreifen. Dazwischen liegt ein Bereich, in dem ein Gespräch reicht. Dieser Text beschreibt vier Stufen, woran du sie erkennst und welche Maßnahme auf welcher Stufe noch wirkt.

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Zwei Entwickler reden seit drei Wochen nur noch über Tickets miteinander. Die Teamleitung merkt es, findet es unangenehm und wartet ab. Nach zwei Monaten kündigt einer von beiden, und im Austrittsgespräch fällt der Satz, den man dann immer hört: „Es hat sich ja nie jemand darum gekümmert.“

Die andere Richtung gibt es genauso. Zwei Leute streiten in einem Meeting lautstark über eine Architekturentscheidung, die Führungskraft setzt am nächsten Tag einen Konfliktworkshop an, und beide sitzen irritiert im Raum, weil die Sache für sie längst erledigt war. Danach reden sie im Meeting vorsichtiger, und die Qualität der Entscheidungen sinkt.

Der Unterschied liegt nicht in der Lautstärke.

Vier Stufen, und woran du sie erkennst

Konflikte laufen selten schlagartig aus dem Ruder. Sie steigen in Stufen, und jede Stufe hat eigene Anzeichen und eigene wirksame Mittel. Der Nutzen des Modells liegt weniger im Sortieren als in der Frage, die daraus folgt: Was wirkt auf dieser Stufe noch, und was nicht mehr?

StufeErkennungszeichenWas wirkt
1 SachdifferenzStreit über die Sache, danach normaler Umgangnichts, oder eine Entscheidung
2 Persönliche ReibungZuschreibungen statt Argumente, VermeidungEinzelgespräche, dann ein gemeinsames
3 LagerbildungDritte werden einbezogen, Team spaltet sichModeration, klare Regeln, ggf. externe Hilfe
4 Schaden nach außenKunden merken es, Leistung bricht einTrennung von Aufgaben oder von Personen

Die wichtigste Zeile ist die erste. Auf Stufe 1 ist Eingreifen meistens ein Fehler.

Stufe 1: Sachdifferenz

Zwei Leute sind unterschiedlicher Meinung, sagen das deutlich und gehen danach zusammen Mittagessen. Das ist kein Konflikt, sondern ein funktionierendes Team. Wer hier moderiert, sagt implizit: Widerspruch ist ein Problem. Genau das lernt das Team dann.

Eingreifen ist nur in einem Fall nötig: wenn die Sache eine Entscheidung braucht und keiner sie treffen darf. Dann ist die Aufgabe der Führungskraft nicht Vermittlung, sondern Entscheidung. „Wir machen es so, aus diesem Grund, und wir schauen es uns in acht Wochen wieder an“ beendet mehr Streit als jede Gesprächsrunde.

Das Signal für den Übergang zu Stufe 2 ist ein sprachliches. Solange Sätze mit „die Lösung“ beginnen, ist es Stufe 1. Sobald sie mit „er“ oder „sie“ beginnen, ist es Stufe 2.

Stufe 2: Persönlich werdende Reibung

Aus „der Ansatz funktioniert nicht“ wird „er denkt nie zu Ende“. Aus Widerspruch wird Zuschreibung. Beide fangen an, den direkten Kontakt zu vermeiden: Abstimmung läuft schriftlich, Meetings werden mit fadenscheinigen Begründungen abgesagt.

Das ist die Stufe, auf der Eingreifen am meisten bringt und am wenigsten kostet. Ein Gespräch je Person, danach eines zu dritt, und in den meisten Fällen ist die Sache in zwei Wochen erledigt.

Es ist gleichzeitig die Stufe, auf der am seltensten eingegriffen wird, weil es noch nicht dringend aussieht. Niemand schreit, die Arbeit läuft, es ist nur unangenehm. Wer hier drei Monate wartet, bekommt Stufe 3.

Stufe 3: Lagerbildung

Jetzt sind Dritte beteiligt. Beide holen sich Rückendeckung, das Team sortiert sich, und es entstehen Themen, über die man in bestimmten Konstellationen nicht mehr spricht. Neue Kolleginnen und Kollegen merken innerhalb von zwei Wochen, dass es zwei Seiten gibt, und werden gefragt, auf welcher sie stehen.

Auf dieser Stufe reicht ein Gespräch zu dritt nicht mehr, weil der Konflikt nicht mehr zwischen zwei Personen liegt. Was jetzt hilft:

  • Benennen, dass es das gibt. Das Team weiß es ohnehin. Wer so tut, als sei nichts, verliert Glaubwürdigkeit.
  • Regeln für die Zusammenarbeit, nicht für die Gefühle. Wer nimmt an welchem Termin teil, wie werden Entscheidungen dokumentiert, wer spricht mit dem Kunden. Verhalten lässt sich vereinbaren, Sympathie nicht.
  • Externe Moderation, wenn die Führungskraft Partei ist. Und das ist sie oft, weil sie mit einer Seite länger zusammenarbeitet oder fachlich näher steht. Wer selbst Teil des Konflikts ist, kann ihn nicht moderieren.

Eine ehrliche Einschränkung: Ab dieser Stufe wird es aufwendig. Ein moderierter Prozess bindet über mehrere Wochen Zeit, und er gelingt nicht immer. Wer das Geld dafür scheut, sollte es beim nächsten Mal auf Stufe 2 ausgeben.

Stufe 4: Schaden nach außen

Kunden bekommen widersprüchliche Aussagen. Termine platzen, weil Informationen nicht weitergegeben werden. Andere im Team kündigen, ohne selbst beteiligt zu sein. Spätestens hier ist die Frage nicht mehr, wie der Konflikt gelöst wird, sondern wie der Betrieb geschützt wird.

Die Mittel sind unangenehm und sie sind trotzdem richtig: Aufgaben und Verantwortungsbereiche trennen, eine Person in ein anderes Team versetzen, im letzten Schritt sich trennen. Wichtig ist dabei die Reihenfolge. Wer sofort zur Trennung greift, ohne die milderen Mittel versucht zu haben, steht arbeitsrechtlich schlecht da und verliert im Team an Rückhalt.

Der ehrlichste Satz zu dieser Stufe: Fast jeder Konflikt, der hier ankommt, war auf Stufe 2 mit einem Gespräch von vierzig Minuten lösbar.

Zwischenschritt

Wo steht eure HR gerade?

Zehn Fragen, fünf Minuten, danach eine Einordnung in eine von fünf Stufen mit konkreten Empfehlungen. Ohne Anmeldung, ohne E-Mail-Adresse.

Das Gespräch auf Stufe 2, Schritt für Schritt

Zuerst zwei Einzelgespräche, dann eines gemeinsam. Nie umgekehrt, weil im gemeinsamen Termin sonst Dinge zum ersten Mal fallen, die vorbereitet gehören.

Im Einzelgespräch geht es um Beobachtungen, nicht um Bewertungen. Eine brauchbare Eröffnung: „Mir ist aufgefallen, dass ihr die letzten drei Abstimmungen schriftlich gemacht habt, obwohl ihr im selben Raum sitzt. Wie siehst du das?“ Das ist überprüfbar und schwer abzustreiten.

Dann zuhören, ohne zu vermitteln. In diesem Gespräch wird nichts gelöst. Am Ende steht eine Frage: „Was müsste sich ändern, damit die Zusammenarbeit für dich wieder funktioniert?“ Die Antwort ist der Stoff für den gemeinsamen Termin.

Im gemeinsamen Gespräch gibst du den Rahmen vor und moderierst. Drei Punkte in dieser Reihenfolge: Was ist passiert, aus Sicht von beiden. Was braucht jeder von der anderen Person. Was vereinbaren wir konkret, bis wann.

Das Ergebnis gehört aufgeschrieben, kurz, drei bis fünf Punkte, an beide per Mail. Nicht als Drohung, sondern weil eine mündliche Vereinbarung nach vier Wochen zwei verschiedene Fassungen hat.

Und dann der Teil, der am häufigsten fehlt: ein Termin in vier Wochen, bei dem ihr nachschaut. Ohne diesen Termin ist die Vereinbarung eine Absichtserklärung.

Wann aus dem Konflikt ein Rechtsthema wird

Solange sich zwei Menschen nicht grün sind, ist das ein Führungsthema. Es gibt aber eine Grenze, ab der der Arbeitgeber handeln muss und nicht mehr abwägen darf, ob er will.

Sie ist überschritten, wenn eine Seite wegen eines im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz genannten Merkmals angegriffen wird, also wegen Herkunft, Geschlecht, Religion, Behinderung, Alter oder sexueller Identität. Auch die Belästigung fällt darunter, definiert als unerwünschtes Verhalten, das die Würde der Person verletzt und ein von Einschüchterung, Anfeindungen oder Demütigungen gekennzeichnetes Umfeld schafft (§ 3 Abs. 3 AGG).

Dann greift eine ausdrückliche Handlungspflicht:

Wortlaut
„Verstoßen Beschäftigte gegen das Benachteiligungsverbot des § 7 Abs. 1, so hat der Arbeitgeber die im Einzelfall geeigneten, erforderlichen und angemessenen Maßnahmen zur Unterbindung der Benachteiligung wie Abmahnung, Umsetzung, Versetzung oder Kündigung zu ergreifen.“
§ 12 Abs. 3 AGG, gesetze-im-internet.de

Zwei Dinge sind daran wichtig. Erstens ist das kein Ermessen: „hat zu ergreifen“ heißt, dass Nichtstun selbst eine Pflichtverletzung ist. Zweitens nennt das Gesetz eine Stufenfolge von der Abmahnung bis zur Kündigung, was bedeutet, dass die Maßnahme zum Vorfall passen muss. Wer bei einer einmaligen Entgleisung sofort kündigt, wählt nicht das mildeste geeignete Mittel.

Absatz 2 derselben Vorschrift enthält nebenbei einen Hinweis, der sich lohnt: Wer seine Beschäftigten in geeigneter Weise geschult hat, hat damit seine Pflicht nach Absatz 1 erfüllt. Eine dokumentierte Schulung ist also nicht nur Prävention, sondern im Streitfall auch Entlastung.

Praktisch heißt das: Sobald in einem Konflikt Merkmale aus § 1 AGG auftauchen, verlässt du den Bereich der Moderation. Der Vorfall gehört dokumentiert, mit Datum, Beteiligten und Wortlaut, und die Reaktion gehört ebenfalls dokumentiert. Das ist unangenehm, wenn man beide Seiten mag, und es ist trotzdem der Teil, der später zählt.

Drei Reflexe, die es schlimmer machen

Nach Schuld suchen. Die Frage, wer angefangen hat, führt zu nichts, weil beide eine plausible Antwort haben und sie unvereinbar sind. Die brauchbare Frage lautet, was ab morgen anders läuft.

Verständnis einfordern. „Ihr müsst euch ja nicht mögen, aber“ ist ein guter Anfang, der oft falsch endet. Verlangt werden kann Verhalten: dass Informationen weitergegeben werden, dass man an denselben Terminen teilnimmt, dass über Dritte nicht abfällig gesprochen wird. Verlangt werden kann nicht, dass jemand seine Meinung über einen Menschen ändert.

Die Sache auf HR abschieben. HR kann moderieren, Regeln formulieren und in schweren Fällen begleiten. Was HR nicht kann, ist die Beziehung führen, die zwischen einer Führungskraft und ihrem Team besteht. Wer den Konflikt vollständig abgibt, signalisiert dem Team, dass er ihn nicht anfassen will.

Häufige Fragen

Muss ich als Führungskraft bei jedem Streit eingreifen?

Nein. Solange sich der Streit auf die Sache bezieht und beide danach normal miteinander umgehen, ist das ein Zeichen für ein funktionierendes Team. Wer hier moderiert, vermittelt dem Team, dass Widerspruch unerwünscht ist, und senkt die Qualität der Entscheidungen. Eingreifen ist auf dieser Stufe nur nötig, wenn eine Entscheidung fehlt, die nur die Führungskraft treffen kann.

Woran erkenne ich, dass ein Konflikt ernst wird?

Am Sprachgebrauch und am Kontaktverhalten. Solange über die Sache gesprochen wird, ist es harmlos. Sobald aus Argumenten Zuschreibungen über die Person werden und beide den direkten Kontakt vermeiden, also schriftlich abstimmen statt zu reden oder Termine absagen, ist die Schwelle überschritten. Das ist der Zeitpunkt, an dem ein Gespräch am meisten bringt und am wenigsten kostet.

Einzelgespräche oder gleich alle an einen Tisch?

Immer erst einzeln, dann gemeinsam. Im Einzelgespräch erfährst du, worum es tatsächlich geht, und beide können sortieren, was sie sagen wollen. Startest du direkt mit dem gemeinsamen Termin, fallen dort Dinge zum ersten Mal, auf die niemand vorbereitet ist, und das Gespräch eskaliert eher, als dass es klärt.

Wann brauche ich externe Moderation?

Vor allem dann, wenn die Führungskraft selbst Teil des Konflikts ist oder als parteiisch wahrgenommen wird, etwa weil sie mit einer Seite länger zusammenarbeitet. Ebenso, wenn sich bereits Lager gebildet haben und Dritte einbezogen wurden. Ein moderierter Prozess bindet über mehrere Wochen Zeit und gelingt nicht immer, deshalb lohnt sich das frühe Gespräch fast immer mehr.

Kann ich verlangen, dass sich zwei Mitarbeiter vertragen?

Verhalten kannst du verlangen, Sympathie nicht. Vereinbaren lässt sich, dass Informationen weitergegeben werden, dass beide an denselben Terminen teilnehmen und dass über Dritte nicht abfällig gesprochen wird. Das ist überprüfbar und im Zweifel auch arbeitsrechtlich fassbar. Die Forderung, einander zu mögen, ist weder erfüllbar noch überprüfbar.

Ein Konflikt, der sich festgefahren hat?

Wir moderieren Teamkonflikte von außen, wenn die Führungskraft selbst beteiligt ist, und legen danach Regeln fest, die im Alltag halten.

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Melanie Schulze
Melanie Schulze HR Managerin, HRklar / Lohnklar

Melanie moderiert Teamkonflikte in KMU und wird meistens dann gerufen, wenn die Führungskraft selbst als Partei wahrgenommen wird.

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